Frauen im Islam als Schwerpunkt bei der Frauenstrategie 21+

Die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts stellte im November 1918 einen demokratiepolitischen Meilenstein sowie den ersten zentralen Schritt zur politischen Mitbestimmung und Partizipation von Frauen in Österreich dar. Heuer, etwas mehr als 100 Jahre danach, sind Frauen rechtlich den Männern gleichgestellt, in vielen Bereichen jedoch noch immer schlechter gestellt.

Sie sind vielfach ökonomisch abhängig, wesentlich häufiger von Armut betroffen als Männer, durch das Fehlen von Kinderbetreuungsplätzen benachteiligt sowie Gewalt ausgesetzt. Diese Umstände veranlassen die Stadt Wels dazu, in den kommenden Jahren einen besonderen Fokus auf die Gleichstellung und Förderung von Frauen in der Stadt zu richten.

Prozentuell betrachtet beträgt der Anteil der weiblichen Bevölkerung in der Stadt Wels (mit Stichtag 1. Jänner 2019) 50,76 Prozent. In der Gruppe der österreichischen Staatsbürger halten in Wels die Frauen die Mehrheit (51,87 Prozent zu 48,13 Prozent). Umgekehrt verhält es sich bei der Gruppe der nicht-österreichischen Staatsbürger: Hier bilden die Männer mit 52,19 Prozent (47,81 Prozent Frauen) die Mehrheit. Ebenfalls überwiegend männlich sind die Bevölkerungsgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien (52,03 Prozent Männer, 47,97 Prozent Frauen) sowie aus der Türkei (53,48 Prozent Männer, 46,52 Prozent Frauen).

Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen bildete bei der Erstellung des Strategiepapiers „Frauen in Wels – Strategie 2019 bis 2021“ vor allem der Frauenbericht 2016 die Grundlage der nachstehenden Überlegungen.

Frauen in Wels – Strategie 2019 bis 2021

Die für die Jahre 2019 bis 2021 festgelegte Strategie besteht aus drei Handlungsfeldern:

  1. Jahresprogramme mit einem Schwerpunktthema,
  2. Umsetzung/Bearbeitung von bedeutenden Themen für Frauen und
  3. Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung.

1. Jahresprogramme

Bis dato wurden jährliche Programme erarbeitet und diese unter ein Motto beziehungsweise Schwerpunktthema gestellt. Diese Vorgangsweise wird weiter beibehalten, da sich dies bewährt hat und einen konstruktiven Einsatz der vorhandenen Mittel sicherstellt. Durch Kooperationen – unter anderem mit dem Städtebund – kommt es darüber hinaus zu finanziellen Vorteilen.

Für die kommenden Jahre sind die Schwerpunktthemen „Gewalt an Frauen“ (2019), „Digitalisierung“ (2020) und „Frauen sind vielfältig (Rollenbilder, Klischees und Stereotypen)“ (2021) vorgesehen. Dabei ist 2021 geplant das Thema „Frauenbilder in den Religionen“ in den Mittelpunkt zu stellen. Neben Veranstaltungen und Aktionen bieten die Jahresprogramme spezielle Angebote und Projekte zum jeweiligen Motto. Themen wie der Internationale Frauentag, der Equal Pay Day, der Equal Pension Day und die Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ werden jedes Jahr unabhängig vom Jahresmotto behandelt.

Für das heurige Jahresprogramm „Gewalt an Frauen“ konnten bereits zahlreiche Programmpunkte fixiert werden. So sind unter anderem Selbstverteidigungskurse für Frauen, ein Filmabend, Frauen-Stammtische zu wechselnden Themen, ein Projekt der Frauenbeauftragten Österreichs in Kooperation mit dem Städtebund, Straßenverteilaktionen sowie Maßnahmen zur Sensibilisierung von Männern geplant – Nähere Details dazu erfolgen zeitgerecht.

2. Umsetzung/Bearbeitung bedeutender Themen

Parallel zu den jeweiligen Jahresprogrammen werden unter anderem folgende Einzelthemen und deren Umsetzung diskutiert beziehungsweise thematisiert:

  • Kinderbetreuung und Elternarbeit sowie Pädagogenarbeit (Ausbau der Kinderbetreuung, Optimierung der Öffnungszeiten und Schließtage, Ausbau der Hort- und Nachmittagsbetreuung, ganztägige Schulformen, Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten usw.).
  • Arbeit und Erwerbsleben (Schwerpunkt Mädchenförderung in technischen Lehrberufen)
  • Wohnen (Schaffung von ausreichendem und leistbarem Wohnraum in den Stadtteilen)
  • Gesundheit (spezielle Gesundheitsausbildungen für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund unterstützen)
  • Mädchenarbeit (Streetwork und Jugendarbeit mit Fokus Mädchenarbeit)
  • Sonstiges (Unterzeichnung der „Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene“)

3. Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung

Die Jahresprogramme sind ein Teil der Bewusstseinsbildung und werden bereits bisher mit entsprechenden Projekten und Kampagnen begleitet. Teilweise wurden diese aufgrund der Kooperationen mit dem Österreichischen Städtebund und anderen Städten österreichweit durchgeführt. Innerhalb der Jahresprogramme soll die Bewusstseinsbildung unter anderem durch Broschüren in den einzelnen Themenbereichen verstärkt und verankert werden. Parallel zu den Jahresprogrammen sind bei allen anderen Tätigkeiten entsprechende begleitende Informationskampagnen durchzuführen.

Muslimische Frauen im Fokus

Durch die Migrationsbewegung aus islamisch geprägten Ländern, wie Syrien und Afghanistan hat sich der Anteil jener Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahren deutlich erhöht – auch in Wels. Derzeit leben – laut einem aktuellen Forschungsbericht aus dem Jahr 2017 im Auftrag des ÖIF (Österreichischen Integrationsfonds) – etwa 700.000 Muslime in ganz Österreich.

Die Studienautoren Peter Filzmaier und Flooh Perlot haben in ihrer Studie die Einstellungen zu Religionsverständnis, Gesellschaft, Politik und Familie von Flüchtlingen, Zuwanderern und bereits in Österreich geborenen Muslimen analysiert

Ein Teil der muslimischen Einwanderer bringt politisch-ideologisches Gedankengut mit, das über den Privatbereich der Religion hinausgeht. Hier geht es um die Verletzung der Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte. Generell besteht ein starker Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Rolle des Islams und den Alltagsregeln beziehungsweise dem Verhalten gegenüber Frauen.

Laut Forschungsbericht ist es 40 Prozent der befragten Flüchtlinge wichtig, dass der Islam in der eigenen Familie sowie in der Gesellschaft eine starke Rolle spielt. Mehr als die Hälfte der Befragten hat, laut vorliegender Erhebung, Verständnis dafür, wenn Männer Frauen nicht die Hand schütteln wollen. 20 Prozent lehnen einen gemeinsamen Turn- oder Schwimmunterricht von Burschen und Mädchen generell ab.

Die Zustimmung zu religiös motivierter Gewalt ist bei manchen Teilgruppen, darunter insbesondere bei Menschen aus Tschetschenien und Somalia, erschreckend hoch. So stimmen 17 Prozent der Flüchtlinge einer gewaltsamen Verteidigung der Familienehre uneingeschränkt zu. Die anderen Gruppen lehnen diese Aussage hingegen ab. Anzumerken ist, dass es immer die Frau ist, die die Familienehre verletzt.

Geplante Maßnahmen

Neben der Umsetzung des Konzepts „Frauen in Wels – Strategie 2019 bis 2021“ liegt ein Fokus der Stadt Wels auf der Bevölkerungsgruppe der muslimischen Frauen. Um das muslimische Frauenbild in der Bevölkerung zu erheben, ist noch im heurigen Jahr eine Umfrage zu diesem Thema geplant. Zusätzlich zu einer repräsentativen quantitativen Umfrage (500 bis 800 Teilnehmer) soll das Meinungsbild auch in qualitativen Interviews erhoben werden.

In einer derartigen Umfrage soll insbesondere geklärt werden, inwieweit das Frauenbild der Welser Bevölkerung je nach Religionszugehörigkeit differiert. Sollte sich dabei eine erhebliche Differenz zwischen dem Frauenbild der muslimischen Welser Bevölkerung und der Restbevölkerung ergeben, so sind auch die Maßnahmen zur Aufklärung bzw. zur Sensibilisierung im Zusammenhang mit dem Thema Gleichstellung von Mann und Frau speziell auf diese Bevölkerungsgruppe auszurichten.

Besonders bei dieser Bevölkerungsschicht ergibt sich die Herausforderung, die Frauen zu erreichen. Bereits jetzt sind dazu so genannte Dialogrunden mit muslimischen Frauen in den muslimischen Vereinen geplant.

Ebenfalls geplant sind spezielle Angebote für muslimische Männer zur Bewusstseinsbildung. Hier braucht es die Notwendigkeit, den Männern zu vermitteln, dass frühere traditionelle Werte und Normen heute ihre Gültigkeit verloren haben. Gewalt darf nie ein Zeichen von Männlichkeit sein. Mögliche Angebote sind eine Anlaufstelle für Männer, Anti-Gewalt-Projekte sowie Trainingsprogramme für Jugendliche und Männer zur gewaltfreien Erziehung.

Zitate

Bürgermeister Dr. Andreas Rabl: „Unsere Stadt ist offen und tolerant. Unsere Toleranz muss aber dort aufhören, wo Menschenrechte verletzt werden. Männer, die Frauen nicht die Hand schütteln oder Mädchen vom Schwimmunterricht abmelden, dürfen nicht hingenommen werden. Mit dem Strategiepapier „Frauen in Wels - Strategie 2019 bis 2021“ wollen wir uns verstärkt für diese Frauengruppe stark machen. Frauenrechte müssen für alle Frauen gelten, unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit. Ein friedliches Miteinander kann nur erfolgen, wenn alle unsere europäischen Werte gleichermaßen akzeptieren und respektieren.“

Frauenreferentin Vizebürgermeisterin Silvia Huber: „In den letzten 100 Jahren wurde viel für die Frauen erreicht, aber wir sind noch lange nicht bei einer echten Gleichstellung. Frauenrechte sind Menschenrechte, daran gibt es nichts zu rütteln. Frauen über ihre Rechte aufzuklären ist das zentrale Ziel der Strategie. Wenn Frauen ihre Rechte kennen, können sie diese einfordern. Dafür brauchen Frauen Mut – und dieses Mutmachen ist ein weiteres Ziel. Besonders wichtig ist mir, dass ich mit muslimischen Frauen ins Gespräch komme und mich mit ihnen austausche, denn ich möchte nicht über sie reden, sondern mit ihnen.“



Bild- und Textquelle: Stadt Wels



FP-Wels, am 06.03.2019





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